Deine Lakaien

Während sich die Britischen Düsterbands überwiegend darin gefallen, einschlägige Vorbilder wie die Sisters of Mercy oder Bauhaus zu kopieren, wobei sie jedoch in den meisten Fällen nicht annähernd an die Originale heranreichen, scheint es gerade hierzulande einige Bands zu geben, die dieser Musik einige neue Impulse geben könnten. So ist es kein Wunder, daß die beste Düsterpop-LP seit langem ein deutsches Produkt ist. "Dark Star" heißt die neue LP des Duos Deine Lakaien, daß sich aus dem klassisch ausgebildeten Münchner Dirigenten (die Tippse: hier hat wohl jemand das "Ernst Horn" vergessen" ;o) und dem Berliner Sänger Alexander Veljanov Zusammensetzt. Die überwiegend elektronisch arrangierten Songs verdienen es eigentlich gar nicht, diesen Namen überhaupt zu tragen. Es sind keine Songs im herkömmlichen Sinne, sondern eher kleinere Kompositionen. Tatsächlich scheinen alle Stimmen perfekt durchdacht zu sein und ergänzen sich auf brilliante Weise. Zudem sind die Melodien ausgezeichnet und machen "Dark Star" trotz der elektronischen Instrumentierung zu einer sehr emotionalen, auf keinen Fall jedoch zu einer künstlich wirkenden Platte. Als weiteren Pluspunkt rechne ich den Lakaien die Tatsache, daß sie uns nicht mit irgendwelchen peinlichen Gruftieimages nerven, an. So findet es Alexander befremdlich, daß das Zillo die Platte mit altdeutschen Lettern ankündigt, und ein Finsterlingsimage womöglich noch mit irgendwelchen magischen Hintergründen - haben sich die Lakaien auch nicht zugelegt. Und das, obwohl sie bei dem Okkult-Label Gymnastic untergekommen sind, als erste europäische Band, wie Alexander nicht ohne Stolz bemerkt. Ein unnötiges Drumherum brauchen sie nicht. Deine Lakaien sind in erster Linie Musiker.

Ich traf Alexander Veljanov das erste Mal bei einem Auftritt mit seiner anderen Band, der Berliner Formation Run Run Vanguard, die sich mit einer neuen Besetzung im Café Ostern vorstellte. Run Run Vanguard und Deine Lakaien verbindet allenfalls die Tatsache, daß beiden Bands eine eher düstere Stimmung zugrunde liegt und daß natürlich beide Bands von Alexanders sehr kräftiger und wirklich schöner Stimme profitieren. Ansonsten sind Run Run Vanguard eine Gitarrenband, die sich teilweise schon recht deutlich an finstere Vorbilder wie Bauhaus anlehnen, aber sich auch gegenüber Rock und Punkeinflüssen nicht verschließen. Melodisch empfahlen sich auch Run Run Vanguard bei diesem Konzert, und es war eine positive Überraschung für mich, daß es in BErlin wieder mal eine ansprechende Düsterrockband gibt. Die sind in unserer Stadt ja recht rar geworden, während sich doch zum Beispiel in Hamburg eine ganze Reihe von düsteren Bands etabliert hat. "Na ja, Berlin ist auch auf jeden Fall nicht die richtige Stadt für Run Run Vanguard" meint Alexander.

Der Reiz von Deine Lakaien liegt dann in der Verbindung Von Alexanders Stimme mit Ernst Horn klassischem Hintergrund, der dem Duo eine gewisse Eigenständigkeit sichert. Und es ist wohl ein Glücksfall, wenn jemand aus der Klassik auch mal in Pop-Gefilde wagt, ohne gleich mit schmalzigem Klassik-Rock aufzuwarten. "Anfang der Achtziger hatte Ernst schon nebenbei sein kleines Studio" erzählt Alexander "und hat sich nebenbei schon mit elektronischer Musik beschäftigt. Das war dann der Einfluss des Aufkommens einiger Elektrobands wie Devo oder Human League. Ernst beschäftigt sich also schon länger mit dieser Musik. Er ist ja ausgebildeter klassischer Musiker, doch irgendwann hat es ihm gestunken. Ich glaube, er wollte nicht mehr nur Opern dirigieren."

Erste Früchte trug die Zusammenarbeit der beiden mit dem Erscheinen einer ersten LP, die sie jedoch selbst vertreiben mußten, denn "einen Plattenvertrag zu bekommen, war Mitte der Achtziger für uns unmöglich" berichtet Alexander. "Keiner wollte elektronische Musik, alles stand im Zeichen der Gitarre. Nur die WEA zeigte ein bißchen Interesse. Da gab's einen Typ, der fand ein paar Stücke von uns ganz gut, einige waren ihm zu finster. Der meinte dann: 'Ihr habt doch ganz nette Melodien, und klauen könnt ihr auch gut. Macht doch so was in Richtung Michael Cretu.' Damit war die Sache dann für uns gestorben."

Die LP ist heute nicht mehr zu haben, wird aber noch in diesem Herbst wiederveröffentlicht und soll dann auch noch einige unveröffentlichte Songs aus den Jahren zwischen den beiden Plattenveröffentlichungen enthalten, in denen die Lakaien keineswegs untätig waren. "Als wir mit der ersten LP keinen Erfolg hatten, ein Label zu finden" erzählt Alexander, "sagten wir uns: 'Wenn wir uns schon nicht verkaufen lassen, wollen wir wenigstens richtig konzeptionell arbeiten' und entschieden uns dann, ein Konzeptalbum zum Thema 'Tod' zu machen, weil das auch so richtig unpopulär war. In diese Songs haben wir dann auch ganz deutlich Klänge aus der klassischen Musik eingebaut. Die Leute, die sich dann die Cassetten mit diesen Songs anhörten, meinten alle, daß einige Songs ganz schön wären, daß man sich das jedoch nicht alles in einem Stück anhören könnte."

Neben der Wiederveröffentlichung der ersten LP soll noch im Juni eine Mini-LP erscheinen. Und dann plant das Duo auch noch einige Auftritte. Eine Tour durch kleinere Clubs ist jedoch nicht unbedingt das, was sich die Band wünschen würde. Immerhin braucht man für die Konzerte, die neben Ernst und Alexander noch zwei Gastmusiker an Streichern und anderen akkustischen Instrumenten bestreiten werden, sehr gute technische Anlagen, und dann ist es für die Band auch sehr wichtig, daß bei den Konzerten wirklich alles live ist. "Für Ernst als klassischen Musiker kommt das gar nicht in Frage, mit Tapes zu arbeiten und für mich auch nicht." bekräftigt Alexander, was für die Auftritte einen völlig anderen Sound erwarten läßt als den bis auf einige Klavierpassagen durchgehend elektronischen Sound der LP. Ein in der Tat sehr reizvolles Konzept, das Label auch schon zu Überlegung über eine live-LP angeregt hat.

Ich denke wir haben es hier mit neuen Aushängeschildern für die deutsche Musikszene zu tun, denn die Musikalität der Lakaien sollte sich auszahlen.

Sven

Niagara '91